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Ein heißer Herbst 2020?

Die Gleichzeitigkeit von Strukturwandel, Elektromobilität und Corona bildet für Industrie und Beschäftigung den perfekten Sturm.

Ein Interview mit Geschäftsführer Peter Schnitzer im September 2020.

Welches Thema beherrscht momentan die OEMs? 
Ein branchenweiter Change-Prozess beherrscht im Moment die Lage im Automobilbau. Dieser zeichnete sich allerdings bereits vor der Corona Krise ab. Kostengetrieben wurde, auf der Suche nach dem günstigsten Komponenten-Anbieter, einmal die Welt umkreist. Das soziale Gewissen sowie das immer stärker wachsende Bewusstsein nach Nachhaltigkeit, gerade bei der jüngeren Generation, zielt auf ein neues Denken ab. Ebenfalls die Fokussierung auf neue Technologien, Hybrid und Elektromobilität, was den klassischen Automobilbau auf den Kopf stelltReine Elektrofahrzeuge erfordern ein neues Rohbaukonzept. Das heißt, wir erleben gerade in den beiden Kernkompetenz-Bereichen Antrieb und Rohbau eine Revolution. Ferner ist die Integration digitaler Megatrends wie das autonome Fahren, Connectivity oder künstlicher Intelligenz ein erfolgsentscheidender Faktor für die Automobilbranche. Ähnlich dem Wandel vom Mobiltelefon zum Smartphone, wird die Fortbewegung nur eine von vielen Anforderungen an zukünftige Fahrzeuge sein.    

Über viele Jahrzehnte erarbeitetes Know-How wird obsolet und man betritt parallel völliges Neuland, auf dem sich auf einmal Marktbegleiter tummeln, die man davor müde belächelt oder gar nicht auf dem Schirm hatte.

Was bestimmt den Rohbau?
Der Rohbau ist entscheidend für das Crashverhalten eines Fahrzeugs und somit oberstes Gebot für die Sicherheit. Das heißt quasi jeder OEM fängt am Punkt 0 mit Entwicklungsarbeit an. Denn jetzt muss zusätzlich eine Batterie in den Rohbau integriert werden, welche im Crashfall äußerst sensibel reagiert.

Vom Fahrzeugbau zum Mobilitätsanbieter?
Aber auch die Denke der neuen Generation verhindert im Moment ein großartiges Wachstumspotential. Während früher ein Auto Statussymbol war und jeder mit dem Auto eine besondere Art der Freiheit verband, ist die heutige Zielgruppe an Mobilitätskonzepten interessiert. Wer braucht in Ballungszentren noch ein Auto? Eine Diversifikation vom Automobilbauer zum Mobilitätsanbieter muss ins Auge gefasst werden. 

Fragen über Fragen….
Verbrenner, Hybrid, Elektro? Auf welche der drei Technologien soll ein OEM setzen? Wieviel Entwicklungsarbeit gibt das Budget her? Welchen Fokus muss der Autobauer verfolgen? Am liebsten weitermachen wie bisher? Automobil-Bauer haben Benzin im Blut, aber Umdenken ist gefragt. Ein Umbau vom Verbrenner-Konzept auf Elektrofahrzeuge ist nicht zielführend und nur durch Kompromisse realisierbar. Erforderlich ist eine komplette Neukonzeption und nur mit einem darauf abgestimmten Fahrzeugkonzept sinnvoll. 

Doch unser Weg ist vorgezeichnet. Wir werden unseren Planeten nur dann lebenswert erhalten, wenn wir alle begreifen, dass dies nur mit einer Ent-Carbonisierung unseres privaten und wirtschaftlichen Lebens möglich sein wird.

Wie wirken sich diese Umdenk-Szenarien auf die Konjunktur im Automobilbereich aus?
Bis dato hatten wir 6-8 Jahre für den Wechsel der Modellreihen, dazwischen 1-2 Facelifts. Da im Moment keiner weiß, wie es genau weitergehtund die Budgets gebündelt werden müssen, sind die Entwicklung der Modellreihen verzögert oder fallen ganz weg. 

Wie sehen Sie die Lage in diesem Herbst?
Der Herbst ist von zwei wesentlichen Faktoren bestimmt. Faktor 1 ist die Lieferkette. Die global vernetzte Zuliefererindustrie birgt ein erhebliches Risiko-Potential. Material, Fertigungsknowhow, LogistikStückzahlen, Kapital setzen einen reibungslosen Ablauf voraus, so dass die Systeme verlässlich funktionieren und bei Störungen ein schneller direkter Austausch vorhanden ist. Nur dadurch lässt sich die für das Funktionieren notwendige Vertrauensbasis nachhaltig gewährleisten. Der rein virtuelle Austausch wird über kurz oder lang zu einer Erosion dieser Vertrauensbasis führen. Der Aufbau alternativer, resilienter Lieferketten wird uns die nächsten Jahre beschäftigen.  

Den zweiten bestimmenden Faktor sehe ich im Faktor ZeitZeit in dreierlei Hinsicht: EntwicklungszeitSchaffen wir es, unserem Anspruch deutscher Entwicklungsgründlichkeit und der aberwitzigen Digitalisierungsgeschwindigkeit gerecht zu werden? Time to marketlässt uns der Markt und die Gesetzgebung ausreichend Zeit mit den vorhandenen Modellen das Geld zu verdienen, mit dem wir die laufende Entwicklungsrevolution finanzieren können? Verarbeitungsgeschwindigkeitsind die von der technischen Revolution betroffenen Kollegen in der Lage, die Frustration über den Verlust der alten Systeme, in produktive Motivation für das Neue umzuwandeln?  

Dazu kommen die ökonomisch erforderliche Kurzarbeit sowie BudgeteinschränkungenDie hemmen die so dringend anstehenden Entwicklungsprojekte, ausgelöst durch die begrenzt verfügbaren Human Resources sowie die knappen finanziellen Kapazitäten für absichernde Maßnahmen der Systeme.

Welchen positiven Beitrag kann die Schnitzer Group für ihre Kunden leisten?
Das Team der Schnitzer Group lebt einen fortwährenden ChangeProzess. Unsere Organisation ist hierarchielos, um für die zunehmende Entwicklungsgeschwindigkeit gerüstet zu sein. Unser Team ist prädestiniert für den Umgang mit technischen Revolutionen. Digitaler Benchmark ist unser Anspruch. 

Das Interview führte Vallery Eichbaum am 20.9.2020.